Hungry – “Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der Vogue sein.” von Crystal Renn
256 Seiten, Sachbuch/Biographie
erschienen am 14. September 2009
Inhalt: “Ich wollte essen. Aber ich wollte auch in der ‘Vogue’ sein.” Crystal Renn
Sie ist ein weltweit erfolgreiches Plus-Size-Model. Dolce & Gabbana und Jean-Paul Gaultier buchen Crystal Renn für Fashion-Shows, “Harper’s Bazaar” und “Vogue” zeigen sie auf der Titelseite, Mango und H&M veranstalten große Werbekampagnen mit ihr. Für ihren Traum – eine Karriere als Model – wäre sie jedoch fast gestorben: Ihre Agentur nötigt sie so lange zum Abnehmen, bis ihr Körper schließlich streikt. Anstatt jedoch weiter zu hungern, startet sie eine neue Laufbahn als fülliges Model. Eine einzigartige Erfolgsstory nimmt ihren Lauf …
Als Crystal Renn 14 Jahre alt ist, wird sie von einer Modelagentur in Florida entdeckt, die sie erst einmal auffordert, fast 40 Prozent ihres Körpergewichts abzuspecken. In einem Jahr nimmt der Teenager 35 Kilo ab und erkrankt schwer. “Mein Körper schrie förmlich auf”, stellt sie rückblickend mit großem Entsetzen fest. Sie entscheidet sich für das Leben und den Genuss und gegen den Kampf mit dem eigenen Körper. Heute, mit 22 und Kleidergröße 42, ist sie im Modelbusiness erfolgreicher denn je – als sogenanntes Plus-Size-Model. Kein Geringerer als Jean-Paul Gaultier präsentierte sie 2006 als seine neue Muse in Paris, Ellen von Unwerth fotografierte sie für “Harper’s Bazaar”, große Modelabels reißen sich um sie. Renn lebt ihren Traum von einer Modelkarriere – so wie sie ist. Dieses Buch ist der überraschend reife Bericht einer lebenshungrigen und charismatischen jungen Frau, die zeigt, dass man seinen eigenen Weg zum Erfolg finden muss.
Insiderbericht aus einer Branche, von der Millionen Mädchen träumen.
Meinung: Als ich das Buch zuklappte, war ich begeistert und beeindruckt. Ich dachte: Wow, es geht auch anders. Die Branche ist zwar immer noch ausgehungert und selbstzerstörerisch, aber immerhin gibt es auch erste Gegenbeispiele. Dann setzte ich mich einige Tage später an den Computer und recherchierte interessehalber mal, was Crystal Renn heute so treibt, drei Jahre nach Erscheinen ihres Buches, in dem sie ihre Geschichte erzählt – eine Geschichte, mit Höhen und Tiefen, emotional, aber vor allem auch ihr Gewicht betreffend. Sie erzählt in “Hungry”, wie alles anfing, als ein Model-Manager ihr sagte, wenn sie zwanzig Kilo abnehme, dann würde ihr eine Topmodelkarriere bevorstehen, aber nur dann. Crystal ernährte sich daraufhin mangelhaft, trieb Sport wie eine Besessene und verlor in unglaublich kurzer Zeit irrsinnig viel Gewicht. Was sie auch erzählt: Wie sie, obwohl sie sich weiterhin völlig gestört ernährte, plötzlich zunahm, wie das ganze Konstrukt “Ich muss mager sein” plötzlich über ihr zusammenbrach und ihr bei Ford-Models eine Alternative dargelegt wurde: Eine Karriere als Plus-Size-Model. Eine Karriere wie keine zweite in dieser Branche. Ich war gespannt, ob sie immer noch modelt, immer noch so gefragt ist, wie zu dem Zeitpunkt, als sie ihr Buch publizierte. Ich stieß auf unzählige Artikel, die neusten beschäftigten sich nur mit einem Thema: Dass Crystal Renn plötzlich wieder “beängstigend dünn” sei. Größe 36, vielleicht auch 38, man kann schließlich nie sagen, wie sehr Bilder nachbearbeitet wurden, würde ich schätzen. Aus besagten Artikel schwingt vor allem eines mit: Die große Enttäuschung der Autorinnen (sämtliche Artikel ließen sich weiblichen Urhebern zuordnen).
Ich sehe das anders: Her body, her choice. Es liegt ganz alleine bei ihr, wie sie aussieht, wie sie mit ihrem Köper umgeht, was für ein Model sie sein will. Aber, und in meinen Augen ist es ein recht großes Aber: Ich kann verstehen, dass sich viele ihrer ‘Fans’ von ihr hinters Licht geführt fühlen. Wenn auch Crystal Renn, eines der wenigen bekannten Plus Size Models, plötzlich wieder Größe 36 trägt, obwohl sie in ihrem Buch noch predigte, man solle seinen Körper das Gewicht auspendeln lassen (hier verweist sie auf die Set-Point-Theorie), so viel (aber möglichst gesund!) essen, wie man Hunger hat, sich genug, aber nicht obsessiv, bewegen, dann ist das für Frauen mit Größe 40 oder mehr, die sich mit ihr identifizieren konnten, ein Schlag ins Gesicht. Ich kann es verstehen, empfinde das allerdings als sehr anmaßend von Frauen, die doch gerade fordern, so sein zu dürfen, wie sie wollen, sich keinem Diktat unterwerfen zu müssen. Sich keinem Diktat unterwerfen zu müssen, das heißt dann aber eben auch: Abnehmen dürfen, ganz gleich, ob man Plus-Size-Model oder Bäckereifachverkäuferin ist.
Crystal Renn hat in Interviews gesagt, sie habe nach der Trennung von ihrem Mann und durch Yoga einige Kilos verloren. Betrachtet man die Bilder, hat man nicht das Gefühl, dass sie sich damit wieder “in die Essstörung gehungert” hat. Ich finde sie immer noch bildhübsch, sehr weiblich und extrem ausdrucksstark. Ihr Körper, ihre Haare, ihre Augen – eine rundum tolle Frau. Egal, ob sie nun Größe 36 oder Größe 42 trägt.
Da es hier aber eigentlich um ihr Buch gehen sollte: Lest es! Es ist toll, es macht Hoffnung, dass in der Modewelt eine Veränderung möglich ist – vielleicht nicht jetzt, aber zumindest irgendwann. Und es macht auch deutlich: Wir Konsument*innen müssen diese Veränderungen fordern, lautstark. Wir müssen uns gegen überbräune H&M-Kampagnen-Models mokieren, kränkliche Hungerhaken auf den großen Laufstegen der Modemetropolen missbilligen, diesen Teufelskreislauf der Modewelt zu durchbrechen versuchen, indem wir sagen: Nein, nicht mit uns, so geht das nicht, ich fühle mich nicht repräsentiert mit meiner Cellulite und meinen Pickeln und meinem Segelohr.
