Sockenträgerin

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Vor ziemlich genau drei Jahren suchte ich nach den richtigen Worten für eine Vorstellung auf meinem gerade geborenen Blog. Sarkastisch sollten sie sein und poientiert. ‘Ich wohne irgendwo, bin irgendwer, hoffe auf das große “Mehr”, irgendwann, aber bitte in nicht allzu ferner Zukunft.’, so begann ich im Oktober 2009 meine Vorstellung.

Ich bin heute eine andere. Ich bin nicht mehr das Mädchen, das ich 2009 war – und damit meine ich nicht die längeren Haare, die paar verlorenen Kilo. Ich meine damit: Ich habe meine Nische gefunden. Vor allem 2011 hat einen anderen Menschen aus mir gemacht, einen lauteren, selbstbewussteren, glücklicheren. Ich bin bereit, für meine Ideale und Visionen zu streiten. Weil ich eben nicht denke, dass, wer Visionen hat, besser zum Arzt gehen sollte. Ich denke, dass wir gerade die Visionäre benötigen; also vielleicht auch mich.

Die Schule liegt endlich, endlich hinter mir und fühlt sich schon so verdammt fern an. Es ist, als wäre ich bereits seit zwei Jahren nicht mehr dort gewesen, an vieles erinnere ich mich nur noch verschwommen. Außer an die Genugtuung, als der letzte Schultag endlich da war und ich wusste, das war es nun. An die Freude, als mein Schulleiter mir meine Prüfungsnoten sagte. An die Erleichterung, als ich nach dem Hurricane mein Abizeugnis im Sekretariat abholte und der Moment endlich da war, der jahrelang mein Rettungsanker war. Die Tage, die es noch dauert, bis ich anfange, in Göttingen Philosophie und Politikwissenschaft im Doppel-Bachelor zu studieren, kann ich mittlerweile schon im Kopf ausrechnen. (Und Mathe und ich, das funktioniert ja sonst eher nicht so.) Ich habe ein wunderschönes WG-Zimmer gefunden, das gerade auf dem Weg zum perfekten weiß-pastell-farbenen Mädchenzimmer ist und in dem ich mich rundum geborgen und wohlfühle. (17 Besichtigungen und dann dieser Glücksgriff.) Ich liebe immer noch Bücher und Serien und auf die Frage, was für Musik denn etwas in mir auslöst, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Antwort. Manchmal glaube ich, ich wohne in der Regionalbahn. Ich bin vegan, seit mehr als einem Jahr schon. Ich stand neulich mit einem zerstochenen Hinterreifen in Nettersheim, 300 Kilometer von zu Hause entfernt, und habe mich darin geübt, Aggressionen in buddhistischer Gelassenheit wegzuatmen. Ich besitze einen beheizbaren Fußsack und für jede Befindlichkeit ein Elektrogerät. Die Wahrscheinlichkeit, mich essend anzutreffen, liegt bei 99,37 Prozent. Und esse ich nicht, dann koche oder backe ich oder kaufe Dinge ein, die ich kochen oder backen kann. Ich halte seit anderthalb Jahren der Grünen Jugend die Treue und bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie viel Gutes mir mein politisches Engagement bisher schon beschert hat. Stillsitzen ist nicht ganz einfach für mich, nicht dieser Tage. Ich habe das Kaffeetrinken aufgegeben und hänge nun an Teebeuteln. Manchmal fahre ich spontan durch die Weltgeschichte, nur um Herzensmenschen zu treffen. (“Ich bin durch einen Ort gefahren, der hieß Nichtinghausen!”) Die Lücken in meinem Terminkalender, diese freien Tage, die ich mit 14 gehortet habe, sind rar geworden und werden dafür besonders wertgeschätzt. Ich bin Weltmeisterin im Rückwärtseinparken und habe jede Schockdokumentation aufgezeichnet, die im vergangenen halben Jahr auf arte lief. Das Leben mit mir ist anstrengend, aber ein Erlebnis – und es gibt Menschen, die sich darauf einlassen: Darauf, ein Abenteuer mit mir zu erleben. Und ich hoffe, in Göttingen noch ein paar mehr zu treffen.

Ich will immer noch keinen Mann, keine drei Kinder, kein Gemeinschaftskonto – auch nicht bei der GLS-Bank. Aber ein Gemüsegarten, der wäre dann doch ganz schön.

Ich bekomme und beantworte übrigens auch sehr gerne E-Mails. Obgleich mensch auf meine Antwort manchmal ein halbes Jahr warten muss… sockenschublade@posteo.de.

2 Antworten zu „Sockenträgerin

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